Fehlt der Glamour im Protest?

Ende September 2013 zogen rund 2.500 Menschen zum bundesweiten Aktionstag durch Hamburgs Straßen und forderten „Keine Profite mit der Miete“ und bezahlbaren Wohnraum. Eigentlich ein Thema, das auch den rund 52.000 Studierenden Hamburgs ein Anliegen sein dürfte. Doch beim Betrachten des Demonstrationszuges fiel auf – Studenten waren wahrscheinlich nur die Wenigstens.

Dieser Beitrag wurde unter meinem Namen am 27.10.2013 im Bunkerblatt der HAW Hamburg veröffentlicht. 

In Hamburg steigen die Mieten. Mit betroffen sind Studentinnen und Studenten, die Hamburg als Studienort wählen. So sind 400 Euro für ein zehn Quadratmeter WG-Zimmer längst keine Seltenheit mehr. Das ist ein Betrag, den viele Studenten eigentlich nicht aufbringen können. Trotzdem ziehen sie in überteuerte Zimmer – aus Not? Was hat die Studentenkultur dazu gebracht aufzugeben und zu resignieren, anstatt bezahlbare Mieten aktiv einzufordern? Was ist eigentlich aus der studentischen Demonstrationskultur in Deutschland geworden?

Man bekommt das Gefühl, dass die Studentenkultur gelähmt ist. Sich nicht in der Lage sieht, etwas zu Verändern. Statt ihre Meinung zu äußern und ihr Recht einzufordern, stürzen sich immer mehr Studierende in eine Partykultur, die viel vergessen und verdrängen lässt. Denn so richtig schlecht geht es einem ja doch nicht.

Mietenwahnsinn-28.09.13-(5)Es geht einem zu gut, um ernsthaft zu protestieren, aber finanziell dennoch so schlecht, dass stetiges Beschweren eine hohe Priorität hat. Doch wirklich ändern, das möchten dann doch die Wenigsten – denn das bedeutet Arbeit und Mühen. Also Umstände, die in einer Partygesellschaft nicht erwünscht sind.

Aber nicht nur eine Partygesellschaft lässt Studierende heute gehemmt ihre Rechte wahrnehmen. Auch die Angst zu Versagen, bürokratisch ausgebremst zu werden und der Wunsch nach Sicherheit lassen auf Protest verzichten. Wo früher viele Studierende bewusst die Freiheit gewählt haben, bevorzugen heute immer mehr Studierende die Sicherheit. Doch wie kam es dazu, dass gerade die Bildungsschicht, die über Jahrzehnte die deutsche Demonstrationskultur mit prägte, heute so kraft- und machtlos erscheint?

Wir wollen es gut und besser haben, aber wir wollen nichts dafür tun – nichts riskieren.

Wir sind heute Studierende, die meist erst kurz vor oder nach dem Mauerfall das Licht der Welt erblickten. Im Geschichtsunterricht unserer Schulzeit lernten wir alles über den zweiten Weltkrieg und die Französische Revolution. Aber nichts über die 60er oder den Mauerfall. Deshalb folgt nun ein Rückblick in der studentischen Demonstrationskultur:

Die 1960er
Demo: Mietenwahnsinn- Keine Profite mit der MieteEs gab kaum ein Jahrzehnt, in dem sich die Studentenbewegungen sich derart detailliert mit politischen Verhältnissen und gesellschaftlichen Strukturen auseinandersetzten.

Die Studentenbewegungen kritisierten u.a. den Vietnamkrieg, die Politik der Hochschulen, die Benachteiligung der Frau und den Einfluss von Massenmedien auf die Gesellschaft.

Als an der Hamburger Universität 1967 der neue Rektor feierlich eingeführt wurde, entwickelten die Studierenden Detlev Albers und Gert H. Behlmer vor dem Prozessionszug ein Banner, sodass die Professoren das Geschriebene nicht lesen konnten. Auf dem Banner stand der Satz, der später vielfach zitiert wurde: „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren.“ Ein Protestspruch, der die ausgebliebene Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit und die veraltete Universitätspolitik kritisierte.

Nicht zu leugnen ist, dass unter anderem der Tod von Benno Ohnesorg und das Attentat auf Rudi Dutschke in den späten 60er Jahren zu einer verstärkten Militanz in der studentischen Bewegung führte. Mit dem Ergebnis, dass sich Gruppierungen wie die Rote Armee Fraktion oder die Bewegung 2. Juni entwickelten. Gruppierungen die sich dem bewaffneten Kampf aus dem Untergrund zu wandten.

Die 1970er Jahre
Die größte studentische Protestaktion der 70er Jahren richtet sich gegen die Einführung von Studiengebühren (zunächst nur für naturwissenschaftliche Studiengänge, wegen der Mehrkosten durch Laborarbeit). Im sogenannten Ersatzgeld-Kampf gingen die Studierenden schließlich so weit, dass sie geschlossen die Rückmeldung boykottierten und durch weitere Streiks die Einführung der Studiengebühren verhinderten.

Die 1980er Jahre
Mietenwahnsinn-28.09.13-(2)Die spontane Protestaktion 1988/89 lief unter dem Titel „UniMut – Streik“. Was zunächst als Unmut über regionale Gegebenheiten an der Freien Universität Berlin anlief, erstreckte sich bald über das ganze Land. Die Anfänge lagen jedoch in einem Schülerprotest der sich gegen die Verschlechterung der Abiturregeln äußerte. Was als Schülerprotest begann wurde von den baldigen Erstsemestern fortgeführt. Die Studierende sahen ihre Zukunft gefährdet und forderten faire BaföG-Bedingungen, waren gegen überfüllte Universitäten und kritisierten die finanziellen Zuständen der Hochschulen.

Die 1990er Jahre
Lucky Streik war das Motto des größten Studentenstreiks in den 90er Jahren. Seinen Ursprung hatte die Protestwelle 1997 an der Universität Gießen. Seinen Höhepunkt bei einer Demonstration mit rund 40.000 Teilnehmern in Bonn. Hintergründe waren die Zustände in den Hochschulen – das Geld für die Bildung fehlte.

Es geht nicht darum aus Prinzip dagegen zu sein, was die Mächtigen diktieren – sondern es geht darum eine Wahl zu haben. Meinungen auszutauschen und zu diskutieren, damit man Optionen hat. Wenn die Studentenkultur ihre Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu erlangen, dann versiegen Meinungen und es bleiben Chancen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse mitzuformen ungenutzt.

Und die Mieten werden weiter steigen – und wer kann es sich dann noch leisten zu studieren?

Das könnte Euch auch interessieren:

Folge mir:

maedchenfuerallefaelle

Online-Redakteurin & Digitales bei selbstständig
(28, Mensch, beruflich digital unterwegs)
Seit 2012 schreibe ich hobbymäßig dieses Blog über Hamburg mit Tipps zu Restaurants, Bistros, Cafès, Läden, Clubs und mehr. Ich schreibe über das was mir begegnet und wo mein Leben mich so hintreibt. Nicht mehr, nicht weniger. Ohne Ziel.
Folge mir:

Letzte Artikel von maedchenfuerallefaelle (Alle anzeigen)