Er reichte mir die Hand und ich legte meine, in seine Schwachheit. 

Durchwabert von einer angenehmen Wolke der Zufrieden- und Vertrautheit, fragte ich mich wie dies sein konnte. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.

Äußerlich erschien er mir so fremd, dass es mich abstieß. Aber seine ihm innewohnende Persönlichkeit ließen mich verweilen. Ich konnte ihm stundenlang zuhören, denn er erzählte mir von seinen Reisen und gesammelten Erfahrungen. Er schien in solchen Momenten ganz klar.

Zeitweise Lethargie, beim Durchleben seiner Erinnerungen, verbunden mit dem angebrachten Stolz sein Leben gelebt und ausgeschöpft zu haben, waren ständiger Gesprächsbegleiter.

Ich studierte sein Gesicht. Krähenfüßchen umzogen die Augenwinkel. Durch die Stirn zogen sich drei tiefe Falten. Die Nase ein wenig zu klobig, da sie sein Leben lang wuchs.

Ich besuchte ihn täglich und wir wurden gute Freunde. Auch wenn ich ihn täglich besuchte, hatte ich manchmal das Verlangen ihn mal nicht besuchen zu müssen. Aber wenn ich dann mal da war, waren die Gedanken wie verflogen und ich scholt mich dafür.

Ich war doch der einzige Mensch, der noch für ihn da war. Wem sollte er sonst seine Lebensgeschichte erzählen, wenn nicht mir? Er freute sich immer sehr, mich zu sehen. Soweit ihm dies noch möglich war.

So vergingen viele Monate, seine letzten Monate und ich kannte seine gesamte Lebensgeschichte – er hatte sein Ziel erreicht. Er ging – und ich mit ihm.

So reichte ich mir ein letztes mal die Hand – denn ich kannte mich, sogar persönlich.

von Mädchen für alle Fälle/ Rabea Ganz


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(30, Mensch, Willy)
Seit 2012 schreibe ich hobbymäßig dieses Blog über Hamburg mit Tipps zu Restaurants, Bistros, Cafès, Läden, Clubs und mehr. Ich schreibe über das was mir begegnet und wo mein Leben mich hintreibt. Nicht mehr, nicht weniger. Ohne Ziel.
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