Mädchen für alle Fälle

Leben mit dem Hans-Albers-Platz

Die Sonne senkt sich über den Aussichtspunkt: ein kleiner Balkon mit Blumenkästen im zweiten Stock des Hauses. Lavendel reiht sich neben Rosmarin, Rose und Salbei. Sie blühen noch nicht, verströmen noch keinen Duft. Nach und nach gehen die schrillen Lichter an und tauchen den Platz in sein unverwechselbares Flair. Erst ertönt ein Soundsystem, ein Zweites, Drittes, Viertes… – Donnerstagabend: der Hans-Albers-Platz erwacht.

Montag: Angenehm leise Gitarrenmusik erklingt aus der Ecke von „Welcome Inn“, „The Academy“ und „Molly Malone“. Frauenstimme wechselt mit Männerstimme, Livemusik. Gelegentlich unterbrochen von Aufschreien aus den Fußball-Kneipen, der HSV spielt auswärts. Die Hans-Albers-Statue steht steif auf der Mitte des Platzes und hält Ausschau. Ein Mann geht vorbei, dreht sich um, stellt sich breitbeinig vor die Statue und pinkelt an den grauen Sockel. Auf dem Hans-Albers-Platz nachts um halb Eins. Ein Uhr, die Gitarrenmusik verstummt. Es ist friedlich. So friedlich, als wäre nie etwas gewesen. Der Hans-Albers-Platz schläft.

Dienstag: Die Straßenkehrmaschine düst in ihrer geruhsamen Geschwindigkeit täglich zwischen sieben und acht über den Platz, auch diesen Dienstagmorgen. Papierfetzen bleiben neben der im pinken Licht erleuchteten Telekom-Telefonzellen liegen. Die Straßenkehrmaschine verschwindet Richtung Herbertstraße.
Es kann nicht vorhergesagt werden, wann eine Nacht auf dem Hans-Albers-Platz laut und wann leise wird. Entscheidener Faktor ist jedoch das Wetter und die damit verbundene Grundstimmung der Menschen. Ein sonniger warmer Dienstag kann lauter als ein trüber Donnerstag sein. Doch dies ist wirklich nicht die Regel. 23 Uhr, kein Laut. Fünf Schatten laufen über das Kopfsteinpflaster. Ein Mann öffnet auf der Suche nach lukrativen Leergut den großen Müllcontainer unter dem einsamen, großen, noch blätterlosen Baum. Der blau-weiße Schal weht seicht in den kahlen, oberen Ästen, in die er sich vor Monaten verirrt hat. Dumpfe Töne dröhnen von der Reeperbahn herauf. Der Hans-Albers-Platz träumt. Wer weiß wovon?

Mittwoch: Leise Musik in der ein oder anderen Kneipe. Der ein oder andere Tourist, der die Herbertstraße sucht. Der ein oder andere Betrunkene. Ein kurzes Aufhorchen, wenn das „Welcome Inn“ die Musik zeitweilig aufdreht und einige Briten lauthals vorbeiströmen. Ein Uhr die Musik wird leiser… der Hans-Albers-Platz döst noch ein Ründchen.

Donnerstag: „Für die Nacht von Donnerstag auf Sonntag“ prangt in dicken Buchstaben an der mit Lichterketten beleuchteten Frieda B. Das Hans-Albers-Eck konkurriert mit dem Fritz-Cola-Slogan „Koksen ist Achtziger!“. Kürzlich wurde „Disco Pogo“ durch „Bück dich hoch“ abgelöst. Zwischen 20 und 21 Uhr wird es das erste Mal gespielt, gegen 1 Uhr ertönt es das zweite Mal und zwischen 5 und 6 Uhr das Dritte und letzte Mal. Tatort: Hans-Albers-Klause, der kleinste aber fast immer lauteste Laden des Areals. Das „MaryLou“ lockt die partywütigen Vierziger ab Donnerstag zum Feiern. Erst ertönt ein Soundsystem, ein Zweites, Drittes, Viertes… Donnerstagabend: der Hans-Albers-Platz erwacht.

Freitag: Acht Uhr. Die leichten Damen marschieren auf und reihen sich wie Perlen auf der Schnur von der Reeperbahn bis hin zur Herbertstraße. Stigmatisiert durch Kleidung im Mode-Stil der 90er Jahre: dicke Daunenjacken, die kurz unterm Bauchnabel enden, Netzstrumpfhosen, pinke Accessoires, Bauchtaschen und Moonboots. Erst wer diese monströsen Teile gesehen hat, weiß warum Sie so heißen. Sobald ein männliches Opfer vorbei läuft, streben sogleich zwei Ladies auf ihn zu und versuchen, ihn einzuspinnen. Vom plumpen Vorbeilaufen, energischen Wegwedeln bis hin zum geschmeichelten Stehenbleiben sind alle Reaktionen bei den erkorenen Männern zu sehen. Stets beobachtet von den muskelbepackten Typen, die sich vor dem „Rotlicht“ aufgebaut haben und es ohne Worte verstehen, sich auf dem Platz Respekt zu verschaffen. Jungesellenabschiede und Fußball-Teams, verkleidet als Bunnys oder Schlümpfe, torkeln über den Platz. Junge Mädels in dünnen, schwarzen Strumpfhosen und langen Gürteln wechseln kichernd von rechts nach links. Alle Altersklassen sind anzutreffen, vom coolen betrunkenen Opa bis hin zum torkelnden jungen Hüpfer. Halb eins. An der einen Ecke des Platzes fährt der Polizei-Bulli vor. Sieben Polizisten und Polizistinnen kommen heraus und postieren sich zwischen Bulli und Nutten. Bereit nach Kabbeleien, Waffen, Glasflaschen und pinkelnden Menschen Ausschau zu halten und wenn nötig auch einzugreifen. Der Hans-Albers-Platz brodelt.

Samstag: Olivia Jones läuft, gefolgt von zwei Bodyguards und einem Haufen Touristen, zielstrebig auf die Hans-Albers-Statue zu. Der Platz ist nun gerammelt voll. In der Hans-Albers-Klause läuft „Bück dich hoch!“. In „The Academy“ spielt eine Live-Band Songs ,die mit Schlagzeug, Gitarre und Gesang bei bierschummriger Stimmung interpretiert werden können. Kilkenny, Guinness und Becks überzeugen die Gäste zum Tanzen und Mitsingen. Irish Folk, Red Hot Chili Peppers. Alle halbe Stunde pausiert die Band für 30 Minuten. Übergangslos abgelöst ertönt vom Tonbandgerät Sportfreunde Stiller – Ein Kompliment. Der Duft des Hesburgers strömt hinauf: Fett, Käse, Fleisch. Der Laden ist gerammelt voll. Eine weitere Schlange schlängelt sich vor der Ladenlucke des Zwei-Euro-Pizzabäckers. Im La Paloma beginnen die Menschen auf den Tischen zu tanzen. Der Pedobär an der Tür steht dennoch still. Von der Bordsteinkante tropft Kotze. Die leichten Frauen strahlen in Pink und machen der Telekom-Telefonzelle Konkurrenz. Der Platz pulsiert und lebt seinen Traum!

Sonntag: Morgens um halb acht: Die Tür der Hans-Albers-Klause öffnet sich und katapultiert einen stark alkoholisierten Mann auf den Platz. „Nur weil ich schwarz bin!“, schreit er. „Nein, weil wir schließen! Du hast schon genug getrunken. Geh nach Hause!“, kontert die Hauslady. Ein Kumpel versucht den Hinausgeworfenen zu stützen und zu überzeugen, zu gehen. Dieser sinkt auf die Bordsteinkante nieder und bleibt maulend sitzen. Die Sonne strahlt über dem Balkon. Drei Jungs laufen über den Hans-Albers-Platz. Zwei klettern auf die bronzene Hans-Albers-Statue. Einer von beiden trägt ein paar orangefarbene Hasenohren. Der Dritte schießt mit seinem i-Phone Fotos von den Kletterkünstlern. Ein Mann läuft vorbei, oben herum im legeren neureichem Stil gekleidet. Feiner, dunkelblauer Cordblazer, einfarbiger Schal, weißes Hemd darunter. Unten herum im Hipster-Look. Eng sitzende quietsch-grüne Hose, dazu weiße, übergroße Turnschuhe. Oben und unten wollen im Gesamtbild nicht so recht harmonieren. Ein Pärchen läuft mit drei Geschenkekörbchen in den Händen über den Platz. Ein anderes nimmt sich in den Arm, blickt sich tief in die Augen und fängt an zu knutschen. Zwölf Uhr Sonntags morgens. Eine Putzkolonne zieht vom Hans-Albers-Eck übers La Paloma bis zur Fritz Bar und sorgt für den höchstmöglichen Glanz in diesen Buden. Der Platz ist friedlich, er wird von Kotze, Hesburger Papier und Alkohol-Leichen gesäubert. Er erholt sich.

Folge mir:

maedchenfuerallefaelle

Online-Redakteurin & Digitales bei selbstständig
(29, Mensch, beruflich digital unterwegs)
Seit 2012 schreibe ich hobbymäßig dieses Blog über Hamburg mit Tipps zu Restaurants, Bistros, Cafès, Läden, Clubs und mehr. Ich schreibe über das was mir begegnet und wo mein Leben mich hintreibt. Nicht mehr, nicht weniger. Ohne Ziel.
Folge mir:

Letzte Artikel von maedchenfuerallefaelle (Alle anzeigen)

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.