Gestern traf ich an der Penny-Kasse „Inkasso-Henry“ ein Kiezurgestein, ehemals Zuhälter und Koberer, das mittlerweile sein Geld als St-Pauli-Führer verdient. Er kaufte nachmittags um 15 Uhr zwei Flaschen Weinbrand und flachste ein wenig an der Kasse. Grund genug mich einmal auf die Fährte der Koberer zu begeben: Den Aushängeschildern der Strip- und Sexlokale auf dem Hamburger Kiez.

Der Beruf des Koberers

Koberer sind die Gestalten, die vor den freizügigen Etablissement mit Kalauern und Altherrenwitzen versuchen vorwiegend männliches Publikum in den Laden zu locken: Nackte Haut, Sex und Ritzen sind dabei die Hauptargumente. Doch die Koberer sind vom Aussterben bedroht, denn auch sie erliegen dem fortschreitenden Kiezsterben. Die Wandlung vom Rotlichtviertel zur Ballermannmeile ereilt auch sie – und sie werden bald schon nicht mehr gebraucht werden. Heute findet man eigentlich nur noch vor wenigen Geschäften in der großen Freiheit wahre Koberer. Auf der Reeperbahn  selbst stehen sie nur noch vor den Geschäften rund ums Eros-Center.

Koberer stammt vom Begriff „ankobern“

Der Begriff des Koberers stammt aus dem Norddeutschen: „Ankobern“ bedeutet anwerben. Meist sind die Koberer ältere Herren, die die 50 schon überschritten haben. Doch eine Frau ist auch unter ihnen auf der Reeperbahn zu finden: Gabi.

Oh… man. In den 50er Jahren muss der Kiez toll gewesen sein, so lebendig und ehrlich. Nach den entbehrungsreichen Jahren eine Insel der Unbeschwertheit. Hin und her gerissen zwischen verruchten Abgründen des Verpönten und dem stilvolleren Geheimnis um die sexuellen Hintertüren. Verachtet von den Konservativen. Zu einer Zeit als Menschliches und Soziales noch groß geschrieben wurde und Konflikte mit Fäusten statt mit Messern und Geschossen geklärt wurde. Hamburg, was wirst du doch für ein trauriges Nest, wenn das letzte Kiezurgestein die Pforten schließt und nur noch Sangria statt Astra ausgeschenkt wird.

Das Koberfenster

Ein „Koberfenster“ ist übrigens das Fenster, in dem sich die freizügen Frauen präsentieren – so wie es in der Herberststraße üblich ist und in der Hopfenstraße üblich war (bevor die Etablissements in dieser Straße den Neubauten weichen musste).

Der Alltag eines Koberers

Das folgende Video von Fotograf Christian Brodack von brophoto.de, zeigt den Alltag eines Koberers vorm Safari:

[vimeo http://vimeo.com/51816518]

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(30, Mensch, Willy)
Seit 2012 schreibe ich hobbymäßig dieses Blog über Hamburg mit Tipps zu Restaurants, Bistros, Cafès, Läden, Clubs und mehr. Ich schreibe über das was mir begegnet und wo mein Leben mich hintreibt. Nicht mehr, nicht weniger. Ohne Ziel.
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