St. Pauli: Momentaufnahmen vom Kiez

Zuhälter an der Ecke, aufgebrachte Türsteher, verpeilte Touristen – der Hamburger Kiez hat seinen ganz eigenen Flair und Lebensrhythmus. Hier findet Ihr stets kleine Momentaufnahmen, die Einblick ins Kiezleben gewähren – mal humorvoll, mal zum Nachdenken anregend.

Kneipe auf St.

(c) Rabea Ganz

 

  • Frau: “Es riecht nach gebratener Möwe”
    Mann: “Wohl eher nach verbrannter Möwe.”
  • “Geh mal weiter, Alter. Und geh mal mit deinem Knackarsch in die Transenshow, Alter.”
  • Mann: “Verpiss dich… nicht da lang, da lang.” Zu einer Frau sagend: “Immer diese scheiß Kanaken!”. Die Frau zu einem anderen Mann sagend: “Wenn er nüchtern ist, ist er richtig schüchtern. Wenn er was getrunken hat, wird er richtig durchsetzungsfähig.” 1. Mann: “Sieg heil.”
  • Zwei Zuhälter unterhalten sich über ihre Frauen: “Sie meinte dann: “Ich möchte das menschlich sehen”. Und dann habe ich ihr erstmal gesagt: “Vergiss das mit dem menschlich sehen. Wir sind hier auf dem Kiez. Aber sei froh, dass du wenigstens hier bist.”
  • Lallende Frauenstimme, 10 Uhr, Hans-Albers-Platz:
    “Wir sind ein ganz schönes faules Pack. Da draußen läuft der Triathlon und wir sitze hier und besaufen uns.”
  • Besitzer zu seinem Kampfhund: “Benimm dich, andere Leute haben Angst vor dir.”
  • Drei Passanten kreuzen bei Rot die Ampel. Auf dem Bürgersteig begrüßt sie eine junge Mutter: “Meine Tochter hätte jetzt gerufen: Todgänger! Todgänger!”
  • Vorm Rotlicht: “Die Böller sind aus Polen, die sind hier illegal.”
  • Frau in der S-Bahn: “Den Hamburgern fehlen vier katholische Feiertage, irgendwie müssen die das ja ausgleichen. Das machen die mit dem Alstervergnügen, dem Hafengeburtstag und der japanischen Kirschblüte am Alsterufer.” 
  • Kundin: “Ich höre heute das erste Mal das Lied”, Bäckereifachverkäuferin:”Wir hören hier “Last Christmas” mindestens drei bis vier Mal am Tag. Aber ohne dieses Lied wäre auch nicht Weihnachten.”
  • Kleiner Junge: “Aber der kleine Prinz lebt doch auch im Universum!”
  • Großer Bruder: “Wie macht man mit einem Schwert?”
    Kleiner Bruder: “So.” Er fuchtelt mit der Faust wild in der Luft umher und ergänzt: “Wie bei wii-Sports.”
  • Ich stehe mit einer Freundin auf der Reeperbahn, kommt ein überaus aggressives, einsames, Riverside Hotelunalkoholisiertes  Herz vorbei: “Wo finde ich hier Frauen?!” Ich:” Auf dem Hans-Albers-Platz.” Er:”Wieso glaubt ihr, euch Pickelfressen würde ein Mann ansprechen. Ihr seid so hässlich, keine Frauen! Euch wird nie ein Mann ansprechen.” Ich:”Wir sind bedient, Nutten gibt es weiter unten!” Er:”Ihr scheiß Lesben!” 
  • In der U-Bahn: Drei Punks und eine Punkerin unterhalten sich über den Sinn eines Dudens.
  • Hafenstraße/ Mietwahnsinn-Demo: Eine Frau sitzt im Fenster und ruft nach unten: “Was macht Ihr da?” Ein Mann antwortet: “Sägen, wie die letzte Stunde auch schon! Was ist den jetzt so schlimm daran?” Frau: “Gar nichts, aber es brennen erst zwei Tonnen! Seht mal zu, dass ihr mehr Tonnen angezündet bekommt!”
  • Hafenstraße/ Mietwahnsinn-Demo: Kleines Kind, mit blonden Locken und großen Augen: “Mama, brennt das Haus da oben?” “Nein, mein Schatz. Das sind nur Leuchtfeuer.”
  • Mutter zu ihrem zirka vier jährigem Kind, das mit einem Laufrad auf die Straße fährt: ” Bis du behindert? Du siehst doch, dass es rot ist. Hast du keine Augen im Kopf?”
  • “Die 99 Cent Bar ist scheiße geworden, die nehmen mittlerweile 1 Euro Eintritt!”
      • 21.45 Uhr. Ich stehe in der Wohlwillstraße vor einer kleinen Galerie und schaue mir die Bilder an, die ich auch bei Schmitts Currywurst entdeckt hatte, und super finde. Geht ein Obdachloser auf mich zu. ” Haben Sie Kleingeld?” “Sicher!” 70 Cent gegeben. Er:”Ich gehe gerne zur Schanze, hier gibt es so schöne Kunst in den Schaufenstern.” Ich: “Ja, ich mag diese Bilder auch sehr. Ich laufe täglich diese Strecke und entdecke immer wieder neue, kleine Läden und markante Kleinigkeiten.” Er: “Du bist noch nicht so lange in Hamburg?” “Zehn Monate.” Er: “Ich komme eigentlich aus Flensburg lebe aber schon lange in Hamburg, fühle mich auch wie ein Hamburger. Naja… ich mach meinen Weg und habe heute auch Geburtstag. 20.8.1952, kannst du mir sagen wie alt ich geworden bin?” Ich: “60 Jahre. Ein runder Geburtstag! Herzlichen Glückwunsch!” und klopfe ihm beglückwünschend auf die Schulter. Er:”Ich glaube dann gönne ich mir einen Korn. Ich dachte ich wäre 58 Jahre und würde nie so alt werden.” Zum Abschied nimmt er mich in den Arm und drückt mich. Wunderbare Begegnung.
  • Stimme aus dem Off: “Gehen Sie zum Bäcker?” Ich orientierungslos schon 20 Meter weiter gerannt. Am nächsten Tag auf meinem Nachhauseweg, erneut die Stimme aus dem Off: “Gehen Sie zum Bäcker?” Ich bleibe stehen, sehe mich umHans Albers und entdecke im Fenster eine ältere, kugelrunde Frau. “Können Sie mir zwei Stückchen Bienenstich oder Butterkuchen vom Bäcker  holen?” “Klar! … Butterkuchen und Bienenstich gibt es nicht mehr. Nehmen Sie auch Erdbeerkuchen?”
  • Ausruf auf dem Platz, mit erhobenem Kreuz: ‎”Wir laden heute zu einem Märchenabend… ähm… märchenhaften Abend bei der Heilsarmee in der Talstraße ein! Kommen Sie vorbei!”
  • Männerstimme: “Ey, verpiss dich in deine Schanze, du scheiß Hipster!”
  • Spiel Deutschland gegen Dänemark: Die Nutten vom Platz tragen Deutschland Trikots.
  • Die leichten Frauen singen  auf dem Hans-Albers-Platz.
  • “Halt die Fresse und gib mir meine 120 Euro, die habe ich verdient! Und wenn ich meine 120 Euro haben will, dann hast du sie mir auch sofort zu geben!” 
  • Öffnungszeiten Kiezbäckerei: Wochenends 3:30 bis 19 Uhr, wochentags 4 bis 19 Uhr.
  • 2:50 Uhr: Ein etwa 20-jähriges Mädchen liegt bewusstlos und lang ausgestreckt im weißen Mini-Rock und mit weißem Top mitten auf der S-Bahn-Treppe, Haltestelle Reeperbahn.
  • Lindenberg und Delay singen auf dem Spielbudenplatz. Ein Fan so: “Das ist der Udo, Udo, UDO!” Ich so: “Das ist Jan, Jan, Jan!” Sie so: “Echt?! Und wer bist du?!”
  • Seit der 21. Kalenderwoche haben die “Tanzenden Türme” farblich wechselnde Disco-Beleuchtung.
  • Touri im tiefsten schwäbischen Dialekt: “Wenn du auf die Alm läufst, bist du oben halb tot, aber du überlebst. Das ist wie mit Shopping. Man(n) überlebt!”
  • Drei Motorräder stehen vorm “Rotlicht”. Ein Blaues, ein Gelbes, ein Rotes. (Szenenwechsel) Wir sitzen an der Hafenpromenade vor der “Amphore” beim “Pudel”. Es düsen ein blaues, ein gelbes, ein rotes Motorrad vorbei. Sie cruisen ihre Runden. 15 Minuten später fahren ein blaues, ein gelbes und ein rotes Auto im amerikanischen Stil der 50er Jahre vorbei. Weitere 15 Minuten später. Drei Mini-Motorräder düsen mit riesigen Gestalten darauf vorbei. Wir bekommen einen Lachanfall. (Tageswechsel) Die amerikanischen Autos fahren lässig über den Hans-Albers-Platz am Rotlicht vorbei.
  • Ich stoße mit einem Mann, der auf einer Bank am Straßenrand sitzt, im Vorübergehen an. Er: “Holsten und Astra, ob das gut geht?! Naja… beides Hamburg!”
  • Bäcker: “Möchtest du jetzt die mit Espresso?” Obdachloser: ” Ich bin kein Fan von Espresso. Ich nehme sie nur, wenn sie gut sind!” Bäcker: “Schau sie dir wenigstens mal an!” OL: “Ja , anschauen kann ich sie mir ja mal .” Bäcker: “Du bekommst auch alle drei, wenn du möchtest. Bitte nehm Sie mir doch ab.” OL: “Ich wollte aber die mit Erdbeeren.” Bäcker: “Du bekommst zwei mit Espresso und dazu zwei mit Erdbeeren.” OL: “Ich weiß nicht.” Bäcker:”Ach komm, sei so lieb. Du kannst auch drei mit Espresso und zwei mit Erdbeeren bekommen.”
  • Dienstbesprechung an der Ecke: “Was ist denn mit der Kleinen? Kann sie nicht anschaffen oder was?!” “Ja, ich weiß auch nicht, was mit der los ist!”
  • St.Pauli-Fans bewerfen die Fenster der HSV-Kneipe auf der Mallorca-Meile.
  • Montagabend/ Mitte März: Die Drogen-Dealer an der Drogentreppe liefern sich eine Flaschenschlacht.

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